Die Geschichte des Ordens der Armen Schwestern der hl. Klara hat ihren Anfang bereits vor dem Palmsonntag, dem 18. März 1212, als Klara di Offreduccio di Favarone in der Nacht heimlich das Elternhaus verlässt, um sich im Kirchlein Portiuncula dem Ideal der Armut der minderen Brüder anzuschließen. Deshalb müssen wir in der Geschichte ein paar Seiten zurückblättern, damit wir das spätere Ringen der hl. Klara um ihre eigenartige Lebensweise in der Armut in einer Frauengemeinschaft verstehen können.

Das 12. Jahrhundert war ein ungemein fruchtbarer Boden für das Aufblühen des westlichen Mönchtums in seinen verschiedenen Formen. Der Geist des hl. Benedikt teilte sich wie eine Pfingstflamme in die neuen Orden der Zisterzienser, Prämonstratenser oder Kanoniker aus. Besonders stark vermehrten sich die Frauenklöster. Die Prämonstratenser bauten zuerst ihre Klöster als Doppelklöster, wo in einem Objekt teilweise separat eine Männer- und eine Frauengemeinschaft lebte. Auch Zisterzienser gaben den Frauen die Möglichkeit nach ihrer Regel zu leben. Im Jahre 1140 verbieten jedoch die Zisterzienser die Doppelklöster, und Ende des 12. Jahrhunderts wehren sich beide Orden gegen die Aufnahme von Frauen und gegen die Pastoral in den Frauenklöstern. Die sog. „Cura monialium“ (geistliche und wirtschaftliche Sorge um die Klöster der Frauen) ist zur Last geworden, die die Mönchsklöster nicht mehr tragen wollten. In dieser Situation zeigt sich die Kraft der Frauenbewegung, weil sie sich trotz dieser Bedingungen in religiöse Gemeinschaften zusammenschließen und dies auf freier Basis, ohne eine konkrete Regel. Sie breiten sich vor allem in Mitteleuropa und Richtung Norden aus. Jakob de Vitry (1180-1254), Augustinerchorherr und späterer Kardinal nimmt sich dieser „frommen Frauen“ in Belgien an. Er erringt für sie beim Papst Honorius III. (1216-1227) die Erlaubnis, in Gemeinschaftshäusern zu leben in gegenseitiger Unterstützung und Erbauung im Gebiet vom Bistum Lüttich, in ganz Frankreich und Deutschland. Damit bestätigt der Papst de facto eine neue religiöse Lebensform: Die Frauengemeinschaften ohne Einbindung an bereits existierenden Orden, ohne Annahme einer bereits bestätigten Regel. Aus diesen Gemeinschaften entstehen zum Beispiel die Beginen.

Auch politisch-gesellschaftliche Veränderungen im 12.-13. Jahrhundert unterstützen die Lebensfähigkeit der neuen Gemeinschaften. Im traditionellen Mönchtum ist die Armut die Sache des einzelnen Mönchs, der vom Allgemeingut des Klosters versorgt wird. Erst der Übergang vom naturalen zum Geldwirtschaftsystem, Entwicklung der Industrieformen und Erstarkung der Schicht der Städter ermöglichen ein Leben ohne Eigentum und Einnahmen für ganze Gemeinschaften. Die Armut als Ideal des Lebens nach dem Evangelium wird zum Leitwort der meisten von ihnen. Viele werden immer radikaler, so dass sich bei manchen die Trennung von der Kirche vollzieht, die aus ihren reichen Erfahrungen zu allen Radikalismen nüchterner und gemäßigter reagiert. Der Fakt, dass diese Gemeinschaften leicht zu Häresien neigen (Abwendung von allgemeiner kirchlicher Lehre), ruft schon sehr früh bei den Kirchenverantwortlichen Pläne zur Organisierung und Ordnung hervor. Das Problem wird gelöst, indem diesen Gemeinschaften eine Ordensregel aufgezwungen wird: Jede Gemeinschaft muss eine approbierte Lebensform auf Grund einer Regel und ihrer Bestimmungen für das gemeinsame Leben annehmen. Auf diese Weise werden die Gemeinschaften vor den Irrlehren bewahrt und erlangen einen festen Grund für ihren geistlichen Fortschritt.

Gerade diese Bemühung der Kirchenvorsteher, angefangen von Papst Innozenz III. (1198-1216) und vor allem unter dem Kardinal Ugolino, dem späteren Papst Gregor IX. (1227-1241) wird ein großes Hindernis für die hl. Klara von Assisi in ihrem Streben in der Nachfolge des Ideals des hl. Franziskus, wie wir später sehen werden.

Wenn also eine religiöse Bewegung der Frauen überleben will und in der Kirche fruchtbar sein, muss sie sich unter den Schutz einer bereits bestehenden Regel stellen und sich der „rechten Lebensweise“ verpflichten. Zur Auswahl stehen die Regeln des hl. Benedikt, des hl. Augustinus, des hl. Gregor. Einen gewissen Ausweg bieten dann die neuen Regeln: die des hl. Dominikus und des hl. Franziskus. Diese beiden Ordensgründer der Dominikaner und der Minderbrüder schreiben auch eine Regel für die Frauenzweige ihrer Bewegung nieder, die sog. II. Orden, womit sie auf die Not dieser Gemeinschaften Antwort geben. Sie verpflichten sich zur geistlichen und so weit nötig wirtschaftlichen Sorge (Cura monialium). Aus dem folgt, dass nicht jedes Frauenkloster der Dominikanerinnen oder der Klarissen als solches entstanden ist. Viele Klostergründungen des 13. Jahrhunderts sind vom Ursprung her eine freie Schwesterngemeinschaft, die später eine dieser Regel annahm. Dies erklärt auch die rasche Verbreitung der Frauenzweige dieser zwei großen Bettelorden. Sie bauten auf dem guten Humusboden blühender religiöser Frauenbewegungen.

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