Kapitel: Berufungssuche und die Prophetie. Berufepastoral bei „den anderen, die noch kommen werden".  Berufung bestehen. Das Herzstück der Berufung. Das Gelingen der Berufung. Einander die Berufung stützen. Beharrlichkeit – andauernde Berufungspflege. Berufung zum Segen-sein.


 „Im Namen des Herrn“ fängt nicht nur das Testament der heiligen Klara (KlTest.1) an, sondern sicher jede Berufung. Gott selber ist es, der einen Menschen – jeden Menschen beruft. Er ist es, der „den Anfang, das Wachstum und die Beharrlichkeit bis ans Ende“ (vgl. KlTest.78)1 schenkt. Dessen ist sich Klara voll bewusst und erwähnt es an vielen Stellen im Testament. Das Thema Berufung ist in Klaras Testament so ein zentrales und immer wiederkehrendes Thema, dass es sich lohnt, darin Klaras Berufungsschule, also Berufepastoral zu untersuchen.

 

Berufungssuche und die Prophetie.

Die Berufung fängt nicht von ungefähr an, sie wird auch nicht „gemacht“ - sie ist nicht ein Entwurf des Menschen. Es ist die Idee Gottes, die bereits da ist, auch wenn es der Berufene vielleicht noch nicht mal ahnt. So sprach Gott selber durch den hl. Franziskus die Prophetie aus, die sich später in der Gemeinschaft um die heilige Klara verwirklicht hat (KlTest 9-16).2 Dass Klara und Franziskus die Erfüllung dieser Prophetie selbst erst nach dem Einzug der „Armen Herrinnen“3 in San Damiano entdecken, wird noch später thematisiert. Zur Zeit der Prophetie weilten Klara und ihre späteren Gefährtinnen noch in ihrem Familienkreis. Klara ist sich im Rückblick bewusst, dass ihr Berufungsweg nicht erst mit ihrem eigenen Schritt anfing, sondern Wurzeln hat – und das in der Art der Nachfolge, die der hl. Franziskus bereits beschritten hat: „Der Sohn Gottes ist uns Weg geworden“ (KlTest5).

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Berufepastoral bei „den anderen, die noch kommen werden“.

Mit Vers 17, noch im Bezug auf die Prophetie, wendet Klara unsere Aufmerksamkeit auf die künftigen Schwestern, „die anderen, die noch kommen werden“. Auch über sie sprach die Prophetie, „weil ihnen die gleiche heilige Berufung zuteil wird, zu der uns der Herr gerufen hat“ (KlTest 17)4. Es ist auffällig, dass Klara im Bezug auf die Berufung selten über sich im Singular spricht, sie meint fast immer alle Schwestern – ja, sie geht sogar über die Grenzen ihrer Zeitgenossinnen hinweg und bedenkt schlichtweg alle, die zu dieser Berufung erwählt sind und werden. Klara bezeugt damit, dass es sich hier um etwas Göttliches handelt, auf das sie sich einlässt und es ihre Lebenszeit lebt - sie und die anderen. Die Berufung ist somit ein Weg durch die Zeiten hindurch, auf dem sich die, die ihn gehen abwechseln. Der Weg ist da, weil er von Gott bereitet ist, und wir können uns denken, dass er da ist, auch wenn es niemanden gäbe, der ihn geht... Der Weg kann vergessen und auch neu entdeckt werden. Der Weg ist Jesus Christus selbst (Vgl. KlTest 5).5

Klara ist sich nicht allein der Größe der Berufung bewusst, sondern auch der hohen Verantwortung, die die Schwestern tragen gegenüber „ihren Schwestern, die Gott zu dieser Lebensform hinzu berufen wird“ (vgl. KlTest 19) - und durch sie auch gegenüber der Welt. Klara nennt bereits hier diese Frauen „unsere Schwestern“. Was meint sie damit? „Der Herr hat uns nämlich nicht nur für andere gleichsam als Vorbild, zum Beispiel und Spiegel hingestellt, sondern auch für unsere Schwestern, die er zu dieser Lebensform hinzu berufen wird, so dass sie selber wiederum denen, die in der Welt leben, zum Spiegel und Beispiel werden können (KlTest 19). Darin zeigt sich wieder die Kraft der Prophetie: Die berufenen Frauen, obwohl sie noch nicht nach der Lebensweise der armen Schwestern leben, erfüllen bereits ihre Berufung – also Vorbild, Beispiel und Spiegel zu sein- , die sie widergespiegelt bekommen von den Schwestern. Um dies überhaupt zu können, bedarf es aber der Schwestern, die mit unaussprechlichem „Eifer des Geistes und des Leibes die Weisungen Gottes und unseres Vaters (Franziskus) einhalten, damit wir mit der Hilfe des Herrn das anvertraute Talent vervielfacht zurückgeben können!“ (KlTest 18)

Zwischen Vers 19 und 20 kommt eine typisch klarianische Wende: Klara dreht nun den ganzen Gedanken um und weist darauf hin, wie die Berufepastoral in der Verantwortung funktioniert:

„Da uns also der Herr zu so Großem berufen hat, dass sich in uns spiegeln können, die selbst anderen Spiegel und Beispiel sind, so müssen wir Gott ganz besonders preisen und loben und im Herrn noch mehr an Tugendkraft zunehmen, um Gutes zu tun. So werden wir, wenn wir nach der genannten Weise leben, anderen ein lauteres Beispiel hinterlassen und... den Siegespreis der ewigen Seligkeit erlangen“ (KlTest 21-23).

Berufepastoral ist also die Art des Lebens selbst und somit die Aufgabe der ganzen Gemeinschaft.

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Berufung bestehen.

Welches sind nun die Kriterien, woran zu erkennen ist, ob eine Frau zu dieser Berufung von Gott erwählt ist und die sie halten soll, um der Berufung gerecht zu werden? Die Prophetie wurde ausgesprochen, doch ihre Erfüllung war noch gar nicht in Sicht, als Franziskus am Bau des Klosters San Damiano war. Erst nach dem sich die junge Gemeinschaft um die hl. Klara als solche bewährte, zog sie in die Mauern von San Damiano ein (Vgl. KlTest 27-30)6. In Vers 30 heißt es: „So gingen wir... zur Kirche San Damiano, um dort zu bleiben“.

Dem Wörtchen „So“ geht die Auflistung jener Merkmale dieser Berufung voraus (KlTest 27):

1. Trotz körperlicher Schwäche vor keiner Not und Armut Angst haben.

2. Vor Anstrengungen und Mühen nicht zurückschrecken.

3. Die Geringschätzung und Verachtung von seiten der Welt nicht scheuen.

Diese Reihenfolge und Gliederung stellt das Herzstück der Berufung dar, wie wir gleich sehen werden.

Als dies nun der hl. Franziskus merkt, erkennt er die von Gott vorhersagte Schwesternschaft, die Gott in seine Berufung mit einfügen will. So verpflichtet er sich und seinen Orden zur Sorge und Verantwortung für diese Gemeinschaft. Er schreibt ihr eine Lebensform mit der besonderen Mahnung, immer in der heiligen Armut zu verharren (KlTest 29.31.33-37).7

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Das Herzstück der Berufung.

Das Herzstück der Berufung und somit das Herzstück des Testaments beginnt Klara mit einer direkten Ich-Rede, was sie hier zum ersten Mal tut. „Ich, Klara“ - „Ego Clara“ (KlTest 37).8 Dieser Nachdruck lässt aufhorchen. Klara spricht hier als Autorität, sie benennt alle ihre „Titel“: Christi und der Armen Schwestern des Klosters zu San Damiano unwürdige Magd und die kleine Pflanze des heiligen Vaters (Franziskus). Sie spricht als eine, die sich der Verantwortung der Leitungsaufgabe voll bewusst ist:

- Sie hat die überragende Größe unserer Berufung und die Weisung eines solchen Vaters (Franziskus) – immer in der heiligen Armut zu verharren, bedacht (vgl. KlTest37).

- Sie hat zugleich an die Schwäche anderer gedacht, die nach ihrem Tode die Berufung leben werden. Sie spricht aus Erfahrung, weil sie selber und ihre Schwestern sich um die Zukunft ihrer Berufung nach dem Tod von Franziskus fürchteten (vgl. KlTest 38).9

- Immer und immer wieder hat sich ihre Gemeinschaft freiwillig ihrer heiligsten Herrin Armut verpflichtet, um der Berufung die Zukunft in der Lebensweise der künftigen Schwestern zu sichern (vgl. KlTest 39).10

Nach diesem Zeugnis appelliert sie nun an die künftigen Schwestern, die ihr im Amt nachfolgen, die heilige Armut zu beobachten und von den anderen beobachten zu lassen (KlTest 40-41).11 Um dies noch mehr zu sichern, lässt sie sich die Armut mit Hilfe von Privilegien bekräftigen, „damit wir zu keiner Zeit und in keiner Weise von ihr abweichen“ (KlTest 42).

Die drei Punkte, mit denen Klara das Herzstück der Berufung skizziert sind diese:

„Um der Liebe jenes Gottes willen, der arm in die Krippe gelegt wurde (1),

arm in dieser Welt lebte (2)

und nackt am Marterholz verblieb... (3)“ (KlTest 45)

Sie finden wir im Testament selbst an 2 Stellen und (als Exkurs) am markantesten im vierten Brief an die hl. Agnes von Prag.

KlTest 27-28

KlTest 45

Der 4. Brief Klaras an die hl. Agnes von Prag 19-23

Keine Angst vor Not und Armut

Jesus wurde arm in die Krippe gelegt

Betrachte die Armut dessen, der in die Krippe gelegt und in die Windeln gehüllt wurde...

Kein Schrecken vor Anstrengungen und Mühen

Jesus lebte arm in dieser Welt

Betrachte... die unzähligen Anstrengungen und Mühen, die (Jesus)... auf sich genommen hat.

Keine Scheu vor Geringschätzung und Verachtung von seiten der Welt

Jesus verblieb nackt am Marterholz

Versenke Dich schauend in die unaussprechliche Liebe, mit der er am Holz des Kreuzes leiden und des schimpflichsten Todes sterben wollte.

Der 45. Vers des Testamentes setzt nun im Vers 46 mit klarer Sprache fort: ...möge dafür gesorgt werden, dass die kleine Herde... der Armut und Niedrigkeit Jesu Christi und seiner Mutter folge und sie bewahre. Die Gemeinschaft der hl. Klara ist zur Armut berufen.

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Das Gelingen der Berufung.

In den folgenden Zeilen gibt Klara konkrete Ratschläge, wie diese Berufung zur Armut gelingen kann:

- Unterstützung seitens der Brüder nach dem Beispiel des hl. Franziskus (KlTest 48-51)12

- Keine unnötigen Ländereien zu erwerben oder anzunehmen (KlTest 52-55)13

- Stets bedacht sein, dem Weg der heiligen Einfalt, Demut und Armut zu folgen

- Ein würdiges Ordensleben zu führen wie zur Zeit unserer Bekehrung. (KlTest 56)14

„Dann wird der Vater der Erbarmungen selbst“ einen guten Ruf ausströmen lassen, für nah und fern (KlTest 58).

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Einander die Berufung stützen.

Klara spricht von einer gegenseitigen Verantwortung im Bezug auf die Berufung.

Dabei gebraucht sie wieder eine Wende, über die man beim Lesen des Textes stolpern muss:

„Ihr sollt einander aus der Liebe Christi lieben, und die Liebe, die ihr im Innern habt, nach außen im Werk zeigen, damit die Schwestern, durch solches Beispiel aufgerufen, beständig in der Liebe zu Gott und untereinander zunehmen“ (KlTest 59-60).

Womit soll hier wer anfangen?

Das wichtigste Wörtchen in diesem Satz ist: „aus“, was sagen will: Aus der Liebe Christi heraus. Die Liebe also, die die Schwestern einander schenken, ist die Liebe Christi. Die verwirklicht sich zuerst im Inneren jeder einzelnen Schwester. Aus dieser Liebe heraus erwachsen die gegenseitige Liebe und die Werke der Liebe. In diesem Satz wird die kontemplative Dimension – sich durch die Betrachtung und Beschauung von Jesu Liebe erfüllen lassen – als Grundstein für den Dienst der Liebe als solcher gelegt.

Jesus selbst ist es, der die Berufung der Schwestern vollbringt.

Weiter beschäftigt sich Klara mit der Schilderung des gegenseitigen Dienens in der Liebe zwischen der Schwester, die „das Amt“15 hat und dem Konvent (KlTest 61ff), wobei sie beiden Seiten sozusagen die gleiche Verantwortung für einander einräumt:

Die „Mutter“ soll so sein, dass die Schwestern ihr, ermuntert durch ihr Beispiel aus Liebe gehorchen. Die Schwestern aber sollen der Mutter durch die gegenseitige Liebe, Demut und Einmütigkeit jede Last erleichtern, so dass sich alles Beschwerliche und Bittere für sie in Süßigkeit verwandelt (KlTest 67-70).16

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Beharrlichkeit – andauernde Berufungspflege

Drei wunderschöne Sätze aus Klaras Testament laden mit einer gewissen Eindringlichkeit ein, die eigene Berufung zu lieben:

„Weil der Weg und Pfad schmal ist, auf dem man zum Leben geht, und die Tür eng ist, durch die man zum Leben eingeht, sind es wenige, die auf ihm gehen und durch sie eintreten.

Und wenn es auch einige gibt, die für eine gewisse Zeit diesen Weg gehen, so sind es doch sehr wenige, die auf ihm ausharren.

Selig also, wem es gegeben ist, auf ihm zu gehen und auszuharren bis ans Ende“ (KlTest 71-73).

Im folgenden Vers 7417 warnt Klara vor den Gefahren, die auf diesem Weg lauern: Eigene Schuld oder Unerfahrenheit. Auch diese nämlich wirken als Spiegelbild in der Welt: „Denn wir wollen einem solchen Herrn und seiner jungfräulichen Mutter, unserem seligen Vater Franziskus, der triumphierenden und streitenden Kirche nicht Unehre machen“ (KlTest 75).

Merken wir die Dichte der Personen, die hier im engsten Satzraum vorkommen! Es sind zugleich die, denen sich Klara ihr ganzes Leben verpflichtet fühlt. Wenn auf dem Weg einer Berufung Idole stehen, dann hat Klara hier die eigenen genannt.

Ihre Aussage bekräftigt sie weiter im Vers 77-78, in einer Bitte formuliert: ...verleihe der Herr selbst, der den guten Anfang gegeben hat, auch das Wachstum und die Beharrlichkeit bis ans Ende. Amen“ (KlTest 77-78).18

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Berufung zum Segen-sein.

Es lohnt sich, für den letzten Satz – ein Nachwort von Klara am Ende ihres Testaments – ein eigenes Kapitel zu eröffnen.

Sie schreibt: „Dies hinterlasse ich euch, meinen geliebten Schwestern, den gegenwärtigen und den künftigen, als Zeichen des Segens des Herrn und unseres seligen Vaters Franziskus, und als Zeichen meines Segens, eurer Mutter und Magd“ (KlTest 79b).

Klara hält ihr Testament für ein Zeichen des Segens des Herrn selbst, des hl. Franziskus und ihres eigenen. Da ihr Testament ganz unter dem Thema Berufung steht, können wir daraus folgern, dass die Berufung selbst Segen sei. Sie wird als ein Segen von Gott geschenkt – sie wird durch die Menschen, die selber zum Segen durch ihre Berufung wurden, vermittelt und so wird sie den in Segen verwandeln, der sie bekommt, annimmt, pflegt, in ihr ausharrt. Und wiederum ist dies wie in einem Spiegel zu lesen, denn: Der Herr selbst ist der Geber, der Begleiter und der Vollender (Vgl. KlTest 78).

In Paderborn 26.8.2011

Sr. Veronika Karaffová, osc

1 ...der Herr selbst, der den guten Anfang gegeben hat, verleihe auch das Wachstum und die Beharrlichkeit bis ans Ende. Amen.

2 9 Denn als der Heilige, der damals weder Brüder noch Gefährten hatte, sozusagen gleich nach seiner Bekehrung 10 die Kirche von San Damiano wieder aufbaute, wo er, von der göttlichen Tröstung gänzlich erfüllt, den Antrieb empfing, die Welt ganz zu verlassen, 11 da redete er prophetisch in großer Freude und in der Erleuchtung des Heiligen Gesites von uns. Und Gott hat dies später in Erfüllung gehen lassen. 12 Er stieg nämlich damals auf die Mauer der genannten Kirche und rief einigen Armen, die dort in der Nähe waren, mit erhobener Stimme auf französisch zu: 13 „Kommt und helft mir beim Bau des Klosters von San Damiano; 14. denn dort werden bald Frauen leben, durch deren heiligmäßiges Ordensleben, dessen Ruf sich verbreiten wird, unser himmlischer Vater in seiner ganzen heiligen Kirche verherrlicht werden wird.“ 15. Darin können wir die reiche Güte Gottes an uns erwägen, 16 der in seiner überströmenden Barmherzigkeit und Liebe diese Worte über unsere Berufung und Erfählung durch den Mund seines Heiliegen sprechen wollte.

3 Solange sich der definitive Bezeichnung der Gemeinschaft nicht gefestigt hatte, begegnen uns verschiedene Namen der Schwesternschaft Klaras: Arme Herrinen, Arme Schwestern, Schwestern von San Damiano u.ä.

4 Und nicht nur über uns hat unser Vater, der selige Franziskus, diese prophetischen Worte gesprochen, sondern auch über die anderen, die noch kommen würden, weil ihnen die gleiche heilige Berufung zuteil wird, zu der uns der Herr gerufen hat.

5 Der Sohn Gottes ist uns Weg geworden; diesen Weg hat unser seliger Vater Franziskus, der Christus wahrhaft liebte und ihm nachfolgte, durch sein Wort und Beispiel uns gewiesen und gelerhrt.

6 27 Da aber der heilige Franziskus bemerkte, dass wir körperlich nicht stark und kräftig waren, und trotzdem vor keiner Not und Armut, nicht vor Anstrengungen und Schwierigkeiten zurückschreckten, noch die Geringschätzung und Verachtung von seiten der Welt scheuten, 28 sondern im Gegenteil diese Dinge, belehrt durch das Beispiel der Heiligen und auch der Brüder, für eine Große Wonne hielten – wovon er sich selbst (und auch seine Brüder) oftmals überzeugen konnte -, da freute er sich sehr im Herrn. 29 Von herzlicher Zuneigung zu uns bewegt, verpflichtete er sich, in eigener Person wie auch durch seinen Orden, immer für uns liebende Sorge und besondere Verantwortung zu tragen, genau so wie für seine Brüder. 30 So gingen wir nach dem Willen Gottes und unseres seligen Vaters Franziskus zur Kirche San Damiano, um dort zu bleiben.

7 Später schrieb er für uns eine Lebensform (forma vivendi), mit der besonderen Mahnung, dass wir immer in der heiligen Armut verharren sollten. 34 Er gab sich nicht damit zufrieden, uns zu seinen Lebzeiten in vielen Predigten und mit Beispielen die Liebe und die Einhaltung der heiligen Armut anzuempfehlen, er gab uns auch mehrere Schriftstücke, damit wir nach seinem Tode keinesfalls von der Armut abwichen – 35 so wie auch der Sohn Gottes, solange er auf Erden lebte, niemals von ihr abweichen wollte. 36 Seinen Fußspuren folgend ist auch unser seliger Vater Franziskus von der heiligen Armut, die er für sich und für seine Brüder erwählt hatte, sein Leben lang nicht abgewichen, weder im Wort noch im Beispiel.

8 Ich, Klara, Christi und der Armen Schwestern des Klosters zu San Damiano unwürdige Magd, die kleine Pflanze des heiligen Vaters (Franziskus), habe mit meinen Schwestern die überragende Größe unserer Berufung und die Weisung eines solchen Vaters bedacht.

9 Ich habe zugleich an die Schwäche anderer gedacht, die wir auch in uns selbst nach dem Heimgang unseres heiligen Vaters Franziskus fürchteten, der unsere Säule, nach Gott unser einziger Trost und unsere Festigkeit war.

10 Immer und immer wieder haben wir uns freiwillig unserer heiligsten Herrin Armut verpflichtet, damit nach meinem Tod die Schwestern, die jetzigen und die künftigen, in keiner Weise von ihr abweichen könnten.

11 40 Und wie ich selbst immer bedacht und besorgt war, die heilige Armut, die wir dem Herrn und unserem seligen Vater Franziskus versprochen haben, zu halten und die anderen Schwestern dazu anzuhalten, 41 so sollen auch jene, die mir im Amt nachfolgen, bis zum Ende verfplichtet sein, die heilige Armut mit Gottes Hilfe zu beobachten und von den anderen beobachten zu lassen.

12 48 Und so, wie Gott uns den seligen Vater Franziskus gegeben hat,... 49- und solange er lebte, war er besorgt in Wort und Tat, uns, seine kleine Pflanzung, stets zu hegen und zu fplegen – 50 so lasse ich jetzt meine Schwestern, die gegenwärtigen und die zukünftigen, in der Obhut seines Nachfolgers sowie des gesamten Ordens zurück.

13 53 Sowohl jene Schwester, die das Amt (der Äbtissin) innehat, wie auch die anderen Schwestern seien jedoch besorgt und bedacht... nicht mehr Land zu erwerben oder anzunehmen, als unbedingt notwendig ist für einen Garten zum Anbau von Gemüse. 54 Wenn es aber notwendig sein sollte... außerhalb der Umzäunung des Gartens noch mehr Land zu haben, so sollen sie nicht zulassen, mehr zu erwerben oder anzunehmen als unbedingt notwendig. 55 Und dieses land soll nicht bebaut oder bestellt werden, sondern brach liegen bleiben.

14 Eindringlich mahne ich im Herrn Jesus Christus alle meine Schwestern, die gegenwärtigen und die künftigen: Seid stets bedacht, dem Weg der heiligen Einfalt, Demut und Armut zu folgen und ein würdiges, heiliges Ordensleben zu führen.

15 Klara gebraucht den Titel Äbtissin nie und sie wehrte sich sehr dagegen, so einen Titel anzunehmen. Sie wollte keine hierarchisch strukturierte Gemeinschaft – die Schwestern sollten sich gleichgestellt sein. Weil aber der Papst Innozent und seine Nachfolger immer wieder versuchten, Klaras Gemeinschft nach der damaligen monastischen Tratidion (z.B. der Benediktinischen) zu organisieren, musste Klara teilweise diesem Druck und den Bitten des hl. Franziskus nachgeben, dennoch spricht sie nur von einem „Amt“, wen es um die Vorgesetzte der Gemeinschaft geht, oder sie nennt sie „Mutter“.

16 67 Die Schwestern aber, die (ihr) untergeben sind, sollen beherzigen, dass sie Gäottes wegen dem Eigenwillen entsagt haben. 68 Daher will ich, dass sie ihrer Mutter gehorchen, wie sie es dem Herrn versprochen haben, aus freiem Willen, 69 auf dass ihre Mutter beim Anblick der gegenseitigen Liebe, Demut und Einmütigkeit, jede Last, die ihr aufgrund des Amtes auferlegt ist, leichter trägt, 70 und alles Beschwerliche und Bittere sich für sie wegen des heiligen Lebenswandels der Schwestern in Süßigkeit verwandelt.

17 Wir wollen uns also in acht nehmen, da wir den Weg des Herrn bereits betreten haben, dass wir nicht durch unsere Schuld oder Unerfahrenheit irgendwann davon abweichen.

18 77 Darum beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus: Auf die Fürbitte und die Verdienste der glorreichen heiligen Jungfrau Maria, seine Mutter, des heiligen Vaters Franziskus und aller Heiligen, 78 verleihe der Herr selbst, der den guten Anfang gegeben hat, auch das Wachstum und die Behrarrlichkeit bis ans Ende. Amen.

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